Friedrich Wilhelm Kühnert ist am 28. Februar 1900 in Straßburg im Elsaß geboren. Er würde also in dem Jahr, da der Kalender erscheint, neunzig Jahre alt. Allerdings ist er nicht mehr am Leben; er ist am 18. November 1980, also in seinem 81. Lebensjahr, als emeritierter Professor für Kirchengeschichte in Wien gestorben.

Es war ein Leben, das ihn fast durch den gesamten deutschen Sprachraum führte, hat er doch in Elberfeld und in Dresden seine Jugend verbracht; dort hat Kühnert 1917 die Matura abgelegt. Anschließend war er Soldat im Ersten Weltkrieg. Seine Studien absolvierte er in Erlangen, Greifswald, Leipzig und Wien. In Wien ist er dann geblieben. Dabei ist interessant, daß die Wurzeln für sein Leben in Franken gelegen haben. Dort stammte seine Familie her. An der Landesuniversität in Erlangen hat Kühnert den wichtigsten Teil seiner Studien absolviert. Nach einer durch Krankheit erzwungenen längeren Pause schloß Kühnert sein Studium in Wien ab und wurde hier 1931 Religionsprofessor. Als solcher wirkte er an verschiedenen Mittelschulen. Mit seiner österreichischen Wahlheimat und mit ihrer evangelischen Kirche hat er sich immer voll identifiziert, 1930 erwarb er den philosophischen, 1934 den theologischen Doktorgrad. 1939 wurde er für den kirchlichen Dienst ordiniert und machte dann den gesamten Zweiten Weltkrieg als Militärpfarrer mit.

Die wissenschaftlichen Pläne, die den jungen Wilhelm Kühnert beschäftigt haben, schienen damit zunächst einmal bedeutungslos. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1945 wurde er wieder in den kirchlichen Dienst aufgenommen. Er konnte seine Tätigkeit als Religionsprofessor wieder aufnehmen, erhielt aber schon 1946 einen Lehrauftrag für Kirchengeschichte an der Wiener Evangelisch- Theologischen Fakultät.

Diese Fakultät hatte während des Krieges und in den Wirren der Nachkriegszeit nach und nach fast alle ihre Lehrer verloren. Es gab zeitweise nur einen reformierten Dogmatiker, dann den Alttestamentler, dem allerdings Vorlesungen untersagt waren, und den Praktischen Theologen. Um diese herum gruppierte sich allmählich ein neuer Lehrkörper der Fakultät. Zu diesem gehörten vor allem Pfarrer aus der Evangelischen Kirche in Österreich; unter diesen befand sich Kühnert. Die Verhältnisse an der Fakultät sind so gewesen, daß man sie heute fast nicht mehr beschreiben kann. Sie waren schlicht unzumutbar. Es gab außer einem schwer kriegsbeschädigten Bibliothekar und einer Kanzleiangestellten überhaupt niemand, der neben den Professoren an dieser Fakultät wirkte. Auch die Zahl der Studierend begann erst aIImählich wieder so anzusteigen, daß man von einem geordneten Studien betrieb reden konnte. Von außen her hat der Wiederaufbau des bombenbeschädigten Gebäudes die Voraussetzungen für einen geordneten Lehrbetrieb geschaffen. Dazu kam noch die Abschließung der Fakultät gegenüber den deutschen Ausbildungsstätten. Neuere Literatur war unerreichbar, der wissenschaftliche Kontakt mit dem Ausland höchstens über die Schweiz in begrenztem Ausmaß möglich.

In dieser Situation habilitierte sich Kühnert im Jahre 1947, wurde 1948 außerordentlicher und 1951 ordentlicher Universitätsprofessor. Diese Stellung hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1970 inne. Viermal war Kühnert Dekan der Fakultät. In den 25 Jahren seiner Lehrtätigkeit an der Universität ist Kühnert zum kirchengeschichtlichen Lehrer einer ganzen Generation von österreichischen Pfarrern geworden.

Wichtig dabei war, daß Kühnert die Theologie als kirchliche Aufgabe ansah und ihr Funktion in der Kirche zusprach. Er hat sich auch als Professor stets als Pfarrer seiner Kirche verstanden. Die zentrale Aufgabe der Theologie sah Kühnert darin, die Botschaft des Evangeliums, die von der Kirche verkündigt wird, wissenschaftlich zu verstehen Das bedeutete für ihn, daß er in vielfacher Weise am Leben der Kirche teilnahm. Er war durch Jahre hindurch Schriftleiter des vom Bischof der Evangelischen Kirche herausgegebenen Blattes „Amt und Gemeinde“, er arbeitete in der Evangelischen Akademie mit, er hielt Vorträge in den Gemeinden, und er nahm vor allem als Mitglied der Synode wesentlichen Anteil an der Rechtsentwicklung der österreichischen evangelischen Kirche.

In seinen späteren Jahren wurde Kühnert immer wieder von Phasen schwerer Krankheit heimgesucht, doch behielt er bis in seine letzten Tage eine beneidenswerte geistige Lebendigkeit. Und der Schatz seines Wissens war schier unerschöpflich. Es waren die Zeitumstände, vielleicht aber doch auch eine übergroße Sorgfalt, die ihn hinderten, sein Wissen in vielen Arbeiten auszubreiten. Er hat aber doch immerhin 271 größere und kleinere Aufsätze veröffentlicht, unter denen diejenigen zur Geschichte des österreichischen Protestantismus sicher das Kernstück darstellen, obwohl die wissenschaftliche Ausrichtung Kühnerts eher auf die alte Kirche hin gegeben war.

Es geht hier nicht darum, Kühnert in seiner Bedeutung für die Theologie oder für die Fakultät zu würdigen, es geht auch nicht darum nachzuzeichnen, was Kühnert als Vertreter einer konservativ konfessionalistischen Ansicht von Kirche und Recht gelehrt und in der Kirche durchgesetzt hat. Es geht auch nicht darum, die verschiedenen Positionsveränderungen, denen er sich weithin entzogen hat und die darum zu Auseinandersetzungen führten, darzulegen. Es geht einfach darum, zu sehen, wie ein Lehrer der akademischen Theologie für das wichtig geworden ist, was sich als Weg der kleinen Diasporakirche in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg ergeben hat. Wilhelm Kühnert hat sich gerade in seiner Tätigkeit als akademischer Lehrer sehr wohl als Zeuge des Evangeliums verstanden und diejenigen, die seine Hörer waren, werden hinter all seinen menschlichen Qualitäten, hinter seinem Humor, hinter seiner Anteilnahme an dem, was seine Studenten (und die Schülerinnen der evangelischen Frauenschule in Wien) bewegte, und werden hinter seiner wissenschaftlichen Kompetenz sehr wohl stets den aufrechten evangelischen Christen verspürt haben.

Gustav Reingrabner (Glaube und Heimat 1990)