Seine Biografie liest sich wie ein Filmdrehbuch: Da sein Vater ihm nicht erlaubte, die Technische Hochschule zu besuchen, riss er 1865 als 18-Jähriger nach Amerika aus und kam nach dreimonatiger Reise mit nichts anderem als seiner Geige in New York an. Zwei Jahre blieb er in den USA und versuchte sich in verschiedensten Berufen. 1867 kehrte er als »verlorener Sohn« nach Wien zurück und begann reumütig, seine Karriere aufzubauen. Die Erfahrungen in Amerika hinterließen einen tiefen Eindruck bei Karl Wittgenstein. Später schrieb er als erfolgreicher Geschäftsmann eine Reihe von Aufsätzen für die Neue Freie Presse, in denen er u. a. seine Bewunderung für den hohen Lebensstandard der amerikanischen Arbeiter im Vergleich zu ihren österreichischen Kollegen ausdrückte.

Er gründete das erste Schienenkartell Österreich-Ungarns und übernahm 1884 sämtliche Aktien der Böhmischen Montangesellschaft. Neben der Übernahme und Gründung weiterer Stahlwerke (Poldihütte, Rudolfshütte etc.) vereinigte er 1886 als Zentraldirektor die Teplitzer Werke mit der Prager Eisenindustriegesellschaft im ersten österreichischen Eisenkartell. Um 1895 war er ein unbestrittener Meister der »Industrierationalisierung« und beherrschte schließlich die Stahlindustrie des Habsburgerreiches, deren Unternehmungen vor allem in Böhmen lagen – in den früheren Nummern der Fackel war er das Ziel so mancher Attacken von Karl Kraus. Sein Arbeitsenthusiasmus und sein strenger Moralbegriff machten Karl Wittgenstein zur nahezu idealtypischen Verkörperung von Max Webers »protestantischer Ethik«. 1897 unterstützte er die Secessionisten und finanzierte einen Großteil des Wiener Secessionsgebäudes.

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Karl Wittgenstein und seine Gattin Leopoldine

Mit seiner Frau Leopoldine Kalmus, genannt Poldi, die er 1873 heiratete, verbanden ihn acht Kinder und die Musik. Poldi Wittgenstein war selbst eine begabte Pianistin, die das Haus Wittgenstein in der Alleegasse in Wien als ein musikalisches Zentrum führte. Zu den regelmäßigen Gästen zählten Joseph Joachim, Johannes Brahms, Clara Schumann, Ernst von Brücke, Hermann Bonitz, Josef Labor, Gustav Mahler, Bruno Walter, Friedrich Hebbel u. a. Richard Strauß spielte gewöhnlich Duette mit Paul Wittgenstein. Sie entwickelten dieselbe Begeisterung für die Kammerwerke von Luis Spohr. Karl unterstützte Arnold Schönberg. Bruno Walter, das Joachim Quartett, Erica Morini und Pablo Casals konnte man an einem Abend im Gespräch und beim Spielen hören. In ihren ersten privaten Aufführungen spielte Richard Mühlfeld Brahms’ Klarinettensonaten. Bilder von Gustav Klimt und den Wiener Secessionisten waren mit den frühen Werken von Puvis de Chavannes, Mestrovic und Segantini zu bewundern, sie hingen neben den Meistern der Münchner und der Wiener Schule. Großartige Autografen der Wiener Klassiker lagen gelegentlich aufgeschlagen da, wenn man im Gespräch mit Hanslick oder Kalbeck umherging.

Anfang 1898, im Alter von 52 Jahren, zog sich Karl Wittgenstein unter dem Einfluss massiver öffentlicher Kritik von allen seinen Ämtern zurück, auch vom Verwaltungsrat der österreichischen Creditanstalt. Er widmete sich ab nun seinem Gut Hochreit, dem Reiten, Jagen und Violinspiel und seiner Privatkanzlei. Sich nobilitieren zu lassen lehnte er ab. In einer Protesthandlung transferierte er sein Vermögen in Grundbesitz und Wertpapiere in die Schweiz, Holland und die USA. Hierdurch sicherte er das von ihm erarbeitete Vermögen seiner Familie, das sich durch die folgende Inflation noch erheblich vermehrte, durch die Weltkriege.

Er ließ nach seiner zum Katholizismus konvertierten Ehegattin Leopoldine Kalmus alle acht Kinder – darunter den Philosophen Ludwig Wittgenstein – katholisch laufen. Seine drei ersten Söhne nahmen sich das Leben, die älteste Tochter Hermine blieb unverheiratet. Helene heiratete den aus Siebenbürgen eingewanderlen Max Salzer und Margarete den Amerikaner Jerome Stonborough. Seine Kinder waren musikalisch hochbegabt. Paul wurde Pianist. Er verlor im ersten Weltkrieg den rechten Arm. Sein Bruder Louis Wittgenstein engagierte sieh nachhaltig in der Evangelischen Kirche. Er war evang. H. B.

Familiengruft am Zentralfriedhof

Aus: Monika Salzer/Peter Karner: Vom Christbaum zur Ringstraße. Evangelisches Wien. 2., verbesserte Auflage, Wien 2009, S. 157–158.