Er erkannte den Tiefstand der öffentlichen und kirchlichen Armen- und Waisenfürsorge und fühlte sich verpflichtet, Hilfe zu leisten. Als Verwalter des Vermögens seines Bruders Karl Wittgenstein war er reich. 1901 übernahm er die Leitung des Evangelischen Waisenversorgungsvereins, der von seinem Schwiegervater, dem reformierten Superintendenten Gottfried Franz, 1853 gegründet worden war und sich unter ihm stark entwickelte. Vor der brennenden sozialen Not um die Jahrhundertwende schloss er nicht die Augen und wurde durch sein großes Engagement ein Bahnbrecher der kirchlichen Sozialarbeit.

In den ersten zehn Jahren seiner Obmannschaft im Waisenversorgungsverein verdoppelte sich der übernommene Stand von 100 Kindern – die erforderlichen Mittel stellte er selbst, soweit sie nicht durch Spenden oder Vermächtnisse gesichert waren, bereit. Überzeugt davon, dass die »gute Landluft« für das Gedeihen der heranwachsenden Jugend günstiger als städtische ist, errichtete er Pflegeheime in Schladming und Goisern und brachte außerdem 30 Kinder bei evangelischen Pflegeeltern in Lahnsattel, Mitterbach, Weikersdorf, Rutzenmoos und in der Ramsau unter. Das schöne Waisenhaus in Bad Goisern ließ er erbauen und 1907 beziehen. Als im Ersten Weltkrieg die Not ins Unermessliche stieg und gleichzeitig die wirtschaftliche Kraft der Vereinsmitglieder erschreckend abnahm, erhöhte er die Zahl der betreuten Pfleglinge auf 232 und deckte Jahr für Jahr den Fehlbetrag aus eigenen Mitteln. Zu Kriegsbeginn wurde das Waisenhaus in St. Pölten dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt und später veräußert. Die Kinder fanden Aufnahme in den übrigen Pflegeheimen.

Nichte Hanna Wittgenstein heiratete den Kinderarzt Hans Salzer, einen Schüler Billroths, und Louis Wittgenstein adoptierte mit seiner Frau Ida Franz zwei Schwestern der Salzer-Familie, Maria und Hermine Salzer, da er keine eigenen Kinder hatte. Hans Salzer leitete als Kinderarzt das Mauthner-Markhof‘sehe Kinderspital und auch die »Kinderheilstätte Bellevue für knochentuberkulöse Kinder«, die von der Gemeinde Wien in der Zwischenkriegszeit übernommen wurde. Mit Mitteln des »Onkel Louis« wurde sie von seiner Adoptivtochter Marie Salzer-Wittgenstein, der Schwester von Hans Salzer, geführt. Sie galt als vorbildliche soziale Einrichtung, die die »Wiener Krankheit« Tuberkulose zu heilen half. Das Besondere waren bei der Behandlung von rund 450 Kindern in 22 Jahren sowohl die großartigen medizinischen Erfolge (87 Prozent Heilungen) als auch die soziale Betreuung der Kinder. Da diese oft jahrelang im Freien das Bett hüten mussten, wurde liebevoll »bildungsbürgerlich« auf Abwechslung geachtet: zu Fasching, Weihnachten, Geburtstag und anderen Anlässen wurden Feste gefeiert – Kinder und Personal wirken auf den erhaltenen Fotos wie eine Gemeinschaft.

Louis Wittgenstein sah mit dem Scharfblick des erfahrenen Finanzmannes die Unbeständigkeit der Geldwerte als Kriegsfolge voraus und trachtete, das Vermögen des Vereins so weit als möglich in Grund- und Hausbesitz anzulegen. Dadurch gelang es ihm, einen Teil des Vereinsbesitzes vor gänzlicher Entwertung zu schützen. Bis heute arbeitet der Evangelische Waisenversorgungsverein diakonisch in Wien.

Er war in der Evangelischen Kirche H.B. als engagierter Gemeindevertreter tätig. Sein Begräbnis, vom reformierten Superintendenten Pfarrer Gustav Zwernemann gehalten, war ein Wiener Großereignis.

 

Aus: Monika Salzer/Peter Karner: Vom Christbaum zur Ringstraße. Evangelisches Wien. 2., verbesserte Auflage, Wien 2009, S. 158–160.