Von DDr. Erwin Schranz

Im Jahre 1532 wurde auf den Freitreppen seines Landgutes Caposeda bei Padua Michael Gaismair mit 42 Stichen ermordet und entstellt. Erzherzog Ferdinand persönlich hatte die Tat in Auftrag gegeben, um nicht nur einen der meist gefürchteten Zeitgenossen zu beseitigen, sondern auch seine zündenden revolutionären Ideen zu vernichten. So ist uns Gaismairs Steckbrief erhalten, formuliert von seinen Habsburgischen Gegnern: „Ein langer, aufgeschossener, hagerer, dünner Mann, im Alter ungefähr 34 oder 35 Jahre, hat einen schwarz-braun-farbenen dünnen  Bart, ein schönes kleines Gesicht, kurze Haare, geht mit geneigtem Kopf oder etwas bucklig und ist sehr beredt.“ [1]

Am Montag, den 15. April1532, war sein früherer Freund Jacomete Cavalcatore als Pferdehändler mit zwei unbekannten Personen bei Gaismair aufgekreuzt, um dessen Pferd ein neues Zaumzeug anzulegen. Der Stallknecht war zum Salzholen geschickt worden, ein Gaismair zu Hilfe eilender Maler wurde nach Gaismairs brutaler Ermordung ebenso wie danach der Stallknecht kurzerhand ins Jenseits befördert. Die gedungenen Mörder eilten sodann nach Innsbruck, doch wurde ihnen ihr Schandlohn vorenthalten, weil sie angeblich aus „Geldgier“ gehandelt hätten. Tatsächlich waren seit sieben Jahren Späher und Spione auf Gaismairs Fersen geheftet und ein ansehnliches Kopfgeld ausgesetzt worden. Trotz eines eigenen, vier Mann umfassenden privaten Personenschutzes war es nun also gelungen, den gefürchteten Bauernführer und Kopf der einzigen konzeptiven Volksbewegung während der Bauernkriege endgültig unschädlich zu machen.[2]

Michael Gaismair wird in der Tiroler und österreichischen Ideengeschichte noch immer stiefmütterlich behandelt; ihm wird der gebührende Platz in der demokratiepolitischen Entwicklungsgeschichte vorenthalten. Andreas Hofer wurde in Tirol zum Volkshelden hochstilisiert, obwohl er sich auf keinerlei neue Ideen stützte und nur mit der Waffe in der Hand die alte Kaiser-Ordnung wiederherstellen wollte, während Michael Gaismair neben seinen beachtlichen militärischen Fähigkeiten auch ganz unkonventionell richtungweisende Verfassungsfragen behandelte und mit seiner Tiroler Landesordnung einen modern anmutenden gesellschaftspolitischen Verfassungsentwurf vorlegte, der mehr als bloß unter „Utopia“ fingiert[3], sondern für eine realpolitische Umsetzung geeignet war und demokratische Ansätze um mehrere Jahrhunderte vorwegnahm. Er befasste sich mit fundamentalen Menschenrechten und mit dem Gleichheitsgrundsatz, der Abschaffung des Adels und kirchlicher Privilegien und mit demokratischen Prinzipien in der Kirche wie Pfarrerwahl und Gemeinwohlsorge. Auch ein neuer Stellenwert der Frau in der Gesellschaft und der Natur und ihrer Bezähmung lag ihm am Herzen. Dem Wucher mit Zinsen und einem unkontrollierten Bankenwesen sagte er den Kampf an, zeigte soziale Verantwortung für Arme, Alte und Schwache und versuchte eine überregionale Dimension in der europäischen Zusammenarbeit und Entwicklung einzuleiten.

Zwar wurde Michael Gaismair immer wieder von ganz links (Kommunisten, besonders in der ehemaligen DDR) bis ganz rechts (etwa im Nationalsozialismus) zu vereinnahmen versucht, seine kritischen, für die damalige Zeit differenzierten Hinterfragungen entziehen ihn aber einer einseitigen propagandistischen Punzierung. Er hat sich sicher einen Platz im demokratiepolitischen Mainstream verdient. Tirol und Europa werden ihm einmal einen Ehrenplatz einräumen – nicht so sehr dem bedeutenden Heer- und Bauernführer, sondern dem weitblickenden kreativen Denker und willensstarken Gestalter eines modernen demokratischen Gemeinwesens.

Etappen auf Michael Gaismairs Lebensweg

Michael Gaismair wurde um das Jahr 1490 in die durchaus wohlhabende Familie des Ulrich Gaismair in Tschöfs bei Sterzing hineingeboren. Die Familie war über ihren Grubenbesitz mit dem Bergbauwesen verbunden und hatte ein kaiserliches Wegemeisteramt inne. Auch ein städtisches Leben, sogar eine Erhebung in den Adelsstand lagen in Reichweite.

Nach dem Besuch der Lateinschule, vermutlich in Sterzing, erwarb er auch juristische Kenntnisse, wahrscheinlich durch ein Jusstudium an der bischöflichen Schule von Brixen – wo auch die Ideale des reformorientierten Nikolaus von Cues noch nicht vergessen waren – und vielleicht auch an der renommierten Universität von Padua.

Im Jahre 1512 unterschrieb Michael Gaismair in Schwaz als eine von zwölf Personen eine Beschwerdeschrift an den Kaiser, in der die Bergwerksknappen der Silberbergwerke eine Verbesserung der Verhältnisse im Bergbau anstrebten.

Einen bedeutenden Einblick in das spätmittelalterliche Sozialgefüge erhielt Michael Gaismair spätestens ab 1518 als „Schreiber“ im Dienste des Tiroler Landeshauptmannes Leonhard von Völs, der auch die Landesprivilegien mit den wohlgehüteten ständischen Freiheiten auf seiner Burg Prösels aufbewahrte. Dieser war auch gestrenger Vorsitzender des viermal im Jahr tagenden Hofgerichtes in Bozen und ein unnachgiebiger Verteidiger adeliger Vorrechte.

Als Verfasser von Briefen und Urkunden, aber auch zuständig für Vertragsverhandlungen, erhielt Gaismair einen umfassenden Einblick in den Rechtsalltag und in das politische Geschehen. Er wurde zum Hauptmann berufen, der auch für Söldneranwerbungen zuständig war. Für seine Tätigkeit auf dem Tiroler Landtag von 1523 wurde er mit Damast-Stoff entlohnt, der damals nach der Kleiderordnung dem Adel und Universitätsprofessoren vorbehalten war. 1524 quittierte Gaismair die Dienste des Leonhard von Völs, wobei spätere Vorwürfe der Veruntreuung von Söldnergeldern durch Leonhard von Völs’ ausdrückliches Lob und seiner Zustimmung zur Abrechnung widerlegt wurden.

Michael Gaismair heiratete mittlerweile seine Frau Magdalena, mit der er mehrere Kinder hatte. Ab 1524, spätestens 1525 trat er als Sekretär in die Dienste des Brixener Fürstbischofs Sebastian Sprenz, den ebenfalls eine große Machtfülle auszeichnete, repräsentierte er doch in seiner Burg zu Brixen führend den Prälatenstand. Michael Gaismair erhielt Einblick in das verschwenderische Leben am bischöflichen Hof und in die Methoden des bischöflichen Gerichtes, wo die Folter bei Verhören routinemäßig eingesetzt wurde.

Der Tiroler Bauernkrieg

Inzwischen waren auch die Gedanken der Reformation in Tirol eingesickert. Luthers Schriften, Flugblätter und Pamphlete wurden wie Lauffeuer in allen Bevölkerungsschichten verbreitet und die Stimmung immer aufgeheizter. Schwaz, Hall und Rattenberg, das Inntal und das Zillertal waren reformatorische Zentren, während sich südlich des Brenners auch schon Gruppen wie die (Wieder-)Täufer sammelten. Ab 1524 kamen erste Meldungen über Bauernzusammenrottungen und Aufstände in Süddeutschland in das Land im Gebirge. Ein geheimer Volksausschuss bildete sich gegen die Steuern- und Abgabenlast, gegen die weltliche Macht der Kirche und für mehr Mitsprache des Bürgertums und des Bauernstandes.

Der revolutionäre Funken sprang endgültig über, als am 9. Mai 1525 der seit Monaten wegen Widerstands gegen die willkürliche Bischofsherrschaft gefangen gehaltene Peter Päßler am Domplatz in Brixen hingerichtet werden sollte. Ein bewaffneter Haufen aus dem Volk befreite Päßler aus den Händen der bischöflichen Söldner und am nächsten Abend fiel auch der Bischofssitz nach der Flucht der bischöflichen Beamten in die Hände der Aufständischen. Michael Gaismair hielt nun nicht mehr mit seinen Sympathien zurück. Es gelang ihm sogar, die bischöflichen Söldner für die Revolutionsbewegung zu gewinnen und Plünderungen zu verhindern. Am 12. Mai wurde jedoch das Kloster Neustift von Radikalen geplündert. Hier wurde Michael Gaismair zum obersten Feldhauptmann gewählt und ein Zehner-Ausschuss zur Vertretung der Bürger und Bauern gebildet. Am 14. Mai 1525 trug Michael Gaismair vor der Schmiede in Neustift die sogenannten 30 Artikel vor, eine Liste von Beschwerden und Forderungen des Volkes. In diesem Programm findet sich schon die Betonung des Mai Evangeliums, der „Gleichheit aller Kinder Christi“ und die Einsetzung der Pfarrer durch die „gantze gemain“ (Gemeinde), die Mitbestimmung bei Richter- und Beamtenbestellungen sowie die Beseitigung der weltlichen Macht der Kirche und die Verweigerung von weiteren Abgaben an den Adel. Eine aufgefundene bischöfliche Schatztruhe wurde beschlagnahmt und für die Söldnerbezahlung und zur Versorgung von Armen verwendet.

Erzherzog Ferdinand gelang es im Gegenzug, die aufmüpfigen Knappen im Inntal sukzessive ruhigzustellen. Gaismair erhoffte Abhilfe vom Landesfürsten und hatte damals immer noch Vertrauen in den Gerechtigkeitssinn des künftigen Kaisers Ferdinand, wurde in der Folge aber maßlos enttäuscht. Ein Teil-Landtag in Meran vom 30. Mai bis 8. Juni 1525 verabschiedete noch die sogenannten 64 Meraner Artikel[4] mit Beseitigung der weltlichen Macht der Kirche, Aufhebung der Klöster und einem Bündnis zwischen dem Landesfürsten und der städtischen und ländlichen Bevölkerung. Gaismair sicherte Ferdinand grundsätzlich Gehorsam und eine Beruhigung der Verhältnisse zu, doch bestand Ferdinand auf der sofortigen Übergabe der Schatztruhe an den Bischof.

Im Sommer 1525 berief Ferdinand endlich einen Landtag nach Innsbruck ein. Er hatte allerdings so lange zugewartet, bis der Schwäbische Bund in Süddeutschland die Bauernhaufen in erbitterten Schlachten siegreich bekämpft hatte. Vorerst waren auf dem Tiroler Landtag als vierter Stand noch 200 Bauern vertreten („Bauernlandtag“), die es durchsetzten, dass die Vertreter der Prälaten nicht zugelassen wurden und nicht in Kurien, sondern im Plenum einzeln nach Köpfen abgestimmt wurde. Ferdinand konnte aber die Bauern geschickt gegen die Bergleute und Bürger ausspielen.

Am 21. Juli ging der Innsbrucker Landtag zu Ende: Konservative Bauern, Bürger und Adelige konnten in Ausschüssen strittige Fragen gegen die Bauern entscheiden und so blieb vom Reformprogramm kaum etwas übrig, außer eingeschränkte Robotdienste (wenn sie 50 Jahre lang nachgewiesen werden konnten), die Erlaubnis der Feldeinzäunung und der Hundehaltung für Bauern. Nun konnte Ferdinand auch die sofortige Räumung der besetzten Brixener Burg verlangen, wobei dort ein interner Kampf zwischen Radikalen und Gemäßigten tobte, bis Gaismair am 21. Juli 1525 die Burg gegen Straffreiheit für den Zehner-Ausschuss an die erzherzoglichen Kommissäre übergab.

Inzwischen brodelte es wieder unter den Bauern im ganzen Land Tirol. Eine Einladung nach Innsbruck zur Klärung der Details der Burgübergabe nahm Gaismair unvorsichtigerweise an, wurde aber unter Hausarrest gesetzt und dann formell in Haft genommen. In der Nacht zum 7. Oktober 1525 konnte Gaismair aus dem Innsbrucker Gefängnis zu seiner Familie nach Sterzing flüchten. In einem Rechtfertigungs- und Protestschreiben an den Sterzinger Landrichter verurteilte Gaismair die weltliche Herrschaft der Kirche und betonte die Freiheit des Menschen gegen alle Ungerechtigkeit, wobei er deutlich – damals unzeitgemäß – gegen die grobe Behandlung seiner Frau und des Kleinkindes auftrat.

Aus Sicherheitsgründen entschloss sich Gaismair zu einer Reise in die Schweiz, wo er sich zunächst nach Graubünden (Fideris) begab und dann im November 1525 den Züricher Reformator Ulrich Zwingli traf. Die schweizerischen Freiheiten beeindruckten den gläubigen, der Reformation zugetanen Christen Michael Gaismair nachhaltig.

Gaismairs strategische Pläne

Ein Feldzugsplan mit einem Bündnis zwischen den Städten Zürich, Straßburg, Konstanz und Lindau wurde ausgeheckt, dem sich der Allgäu anschließen sollte, um dann von Graubünden zur Befreiung nach Tirol einzufallen und mit Hilfe von Aufständischen eine Republik zu begründen. Eine Auslieferung von Gaismair an Erzherzog Ferdinand wurde von Zürich dezidiert abgelehnt. In Graubünden knüpfte Gaismair Kontakte zu Abgesandten des französischen Königs und bereitete nun ein Revolutionsprogramm, die Tiroler Landesordnung, vor und für Frühling 1526 einen Einmarsch und Aufstände in Tirol.

Am 16. Februar 1526 wurde vom Innsbrucker Hofrat ein Kopfgeld von vorerst 300 Gulden auf Gaismair ausgesetzt und Pläne mit gedungenen Mördern entwickelt. Gaismair hielt sich von da an eine Leibwache und betrieb unverdrossen die Aufstellung eines Söldnerheeres.

In Tirol gärte es weiterhin und es kam aller Orten zu reformatorischen Umtrieben. Am 2. Mai 1526 brach Michael Gaismair zur „Befreiung“ nach Tirol auf, doch war vorerst sein Einsatz beim Pinzgauer Bauernkrieg über Vermittlung Peter Päßlers erforderlich. Ende Mai verstärkte Gaismair das 4.000 Mann starke Belagerungsheer der Bauern vor Radstadt. Nach dem gewaltsamen Tod des bisherigen Bauernführers Setzenwein aus eigenen Reihen übernahm Gaismair den Oberbefehl. Erfolglose Attacken wechselten mit einer siegreichen Bekämpfung von heraneilenden Truppenteilen des Schwäbischen Bundes.

Am 2. Juli 1526 gab Gaismair beim Anrücken eines großen Söldnerheeres des Schwäbischen Bundes die Belagerung Radstadts auf und zog über die Hohen Tauern und Lienz ins Pustertal. Im Gebirgsdorf Lüsen entschied er sich, auf das Gebiet der Republik Venedig zu übersetzen, wo seine Truppe politisches Asyl erhielt.

Die restlichen Belagerer Radstadts wurden übrigens von kaiserlichen Truppen exemplarisch bestraft und großteils gehängt. Das zusammengewürfelte internationale Heer Gaismairs plante weiterhin, gestützt auf die Tiroler Landesordnung, als Bündnispartner der Dogenrepublik Venedig eine demokratische Herrschaft in Tirol zu errichten und die Herrschaft der Habsburger zu beenden.

Im Dienste Venedigs bewährte sich Michael Gaismair als tapferer „condottiere“ etliche Male erfolgreich, so – trotz Krankheit, vermutlich Malaria – bei der Eroberung von Cremona am 23. September 1526. Das venezianische Führungsgremium, die Signora, vertröstete ihn immer wieder mit dem geplanten Einfall in Tirol bzw. führte ihn bewusst hinters Licht, doch lieferte sie ihn nicht an den Kaiser aus und zahlte ihm ab 1528 eine Jahrespension. In diesem Jahr erwarb er auch ein Bauerngut in der Nähe von Padua, wo er trotz eines ausgesetzten Kopfgeldes von 2.000 Goldgulden mit seiner Frau und vier Kindern – wegen ständiger Bedrohungen beschützt von einer Leibwache – lebte und teilweise auch die Anabaptistenbewegung/Wiedertäufer unterstützte. Bei Besuchen in Graubünden und in Zwinglis Zürich spann er weitere internationale Kontakte, um den „Tyrannen Karl V.“ mit vereinten Kräften zu stürzen, doch spielte die venezianische Diplomatie ein anderes Spiel und verbündete sich wieder mit dem Kaiser und dem Papst. Und so wurde die Schlinge um Gaismairs Hals immer enger gezogen …

Gaismaiers Tiroler Landesordnung – aktuelles politisches Programm und zukunftsorientierter Verfassungsentwurf

Während der Bauernkriege tauchen immer wieder Forderungen der einfachen Bevölkerung auf, zumeist kasuistisch verpackt in sogenannten „Artikeln“ wie den 12 Artikeln der süddeutschen Bauern von Anfang 1525 oder den 64 Meraner Artikeln, an denen schon Gaismair mitgewirkt hatte. Kennzeichnend ist jeweils, dass religiöse, politische, ökonomische und teilweise soziale Forderungen vermischt werden und aus diesem Konglomerat eine explosive Sprengkraft erwächst.

Ein entscheidender Wurf gelang Michael Gaismair mit seiner im Februar und März 1526 formulierten Tiroler Landesordnung, mit der er Tirol eine neue umfassende Staatsordnung geben wollte, als Grundlage für einen egalitären, christlich-demokratischen Knappen- und Bauernstaat. Er baute seine Erfahrung aus der revolutionären Bewegung und seiner Verwaltungstätigkeit in Brixen ein und konnte dank seiner Dienste als Schreiber des Landeshauptmannes Völs und als Sekretär des Fürstbischofs Sprenz ein vergleichsweise realistisches Programm für eine politische Neuordnung Tirols erstellen, das auf reformatorischen Überlegungen, vor allem inspiriert von Zwingli, und auf demokratischen Grundsätzen aufbaute – zur damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit.

Die Berufung auf die Heilige Schrift und auf Gottes Gerechtigkeit leuchtet überall durch und findet sich prioritär in den ersten vier Artikeln; eine Art „positiver Gottesstaat“ sollte entstehen. Die Prälaten als Symbolfiguren für den verweltlichten geistlichen Stand und der Adel werden darin als im Widerspruch zu Gottes Wort stehend ihrer gesellschaftspolitischen Funktion gänzlich enthoben. Offensichtlich sind die Anliegen der Bergpredigt zur Verwirklichung einer gerechten Welt Pate gestanden. Überall ist die Solidarität mit den Geknechteten spürbar und die Gleichheit zieht sich als Postulat, als durchgängiges Prinzip durch den gesamten Verfassungsentwurf. Die Leibeigenschaft sollte zur Gänze abgeschafft sein – und blieb es auch; darin war Tirol auch in Zukunft ein herausragendes Beispiel.

Die ganze Gemeinde, also Vermögende wie Lohnabhängige oder Arme, sollte ihren Pfarrer selbst wählen – also nicht mehr von der kirchlichen Hierarchie eingesetzt. Im Gottesdienst sollte die Landessprache verwendet werden. Klöster und Ordenshäuser mussten geschlossen werden und hinfort als Spitäler und Altenheime dienen. Die Versorgung mit Heilmitteln für alle musste gewährleistet sein, ebenso Essen, Trinken und Kleidung und „alle Notdurft“.

Auch die Richter mit acht Geschworenen als lokale Rechtsprechungs- und Verwaltungsorgane sollten gewählt werden und jeweils Montag Gericht halten. Sie „sollen von niemand nehmen“, sondern vom Land besoldet werden (10. Artikel). Eine Berufungsmöglichkeit war ausschließlich an die Landesregierung vorgesehen. Diese sollte aus dörflichen Selbstverwaltungen, den „Gerichten“ der vier Tiroler Vierteln gewählt werden, also eine republikanische Form erhalten und ihren Sitz in Brixen haben. Adelige oder die Herrscherfamilie der Habsburger kommen nicht mehr vor.

Aus dem Vermögen der eingezogenen Adelsgüter und mit dem Zehent und Zins, der jetzt statt an die Kirche an das Gemeinwesen ging, sollten die Armen unterstützt werden. Eine systematische soziale Fürsorge, überwacht von der Landesregierung, sollte installiert werden, damit das Bettelunwesen aufhöre und der Lebensunterhalt aller gesichert sei. Auch die Bedeutung der Bildung kommt nicht zu kurz: eine Universität war in Brixen vorgesehen, wobei drei Professoren mit „Studium der göttlichen Gesetze“ der Regierung angehören sollten.

An Zöllen sollten nur mehr Ausfuhrzölle eingehoben werden, während im Interesse der Konsumenten andere Zölle wegfielen.

Im Sinne der Betonung des produktiven ländlichen Raumes sollten die Ringmauern der Städte und die Befestigungen der Burgen beseitigt werden[5]. Das Ackerland musste vergrößert werden, „Moose und Sümpfe“ trockengelegt, verbesserter Getreidebau und Obstkulturen samt veredeltem Weinbau eingeführt werden.

Wegen des grassierenden Wucherproblems sollte die Kaufmannschaft reguliert werden und Trient das einzige Zentrum für das Handwerk werden; dies entspringt offensichtlich noch dem mittelalterlichen Weltbild einer Beschränkung und Kontrolle der handwerklichen Produktion (vgl. Zunftwesen) und wäre sicherlich auf Dauer nicht durchzuhalten gewesen. Auf eine Bergwerksordnung wurde großer Wert gelegt. Bodenschätze und ausländische Handelskonzerne wie die Fugger sollten vergesellschaftet, Gewinnbegrenzungen eingeführt werden und ein Grundeinkommen für jeden Arbeitenden sichergestellt sein. Im Sinne der Konsumenten war eine staatliche Kontrolle vorgesehen. An die Stelle des Naturallohnes sollte eine fixe Geldbesoldung treten und eine einheitliche Münzprägung sollte gewährleistet sein, wofür auch Kelche und kirchliche Kleinodien einzuschmelzen waren[6].

Selbstbewusst spricht Gaismair im 7. Artikel der Landesordnung davon, dass man in „Gaismairs Land“ das Wort Gottes „treulich und wahrhafftiglich allenthalben predigen und alle Sophisterei und Juristerei ausreiten und dieselben Bücher verbrennen solle“.

Die verfassungsrechtliche Bedeutung der Tiroler Landesordnung

Mit der Tiroler Landesordnung wird am Schnittpunkt zwischen Mittelalter und Neuzeit erstmals ein umfassender, in den meisten Punkten realistisch anmutender Verfassungsentwurf vorgelegt, der auf biblisch-religiösen, reformatorischen Grundlagen überraschend moderne Ansätze zeigt. Natürlich sind die Ausdrücke in diesem Dokument aus dem 16. Jahrhundert noch zeitgebunden und auch die „Oberkait“ als traditionelles Machtgefüge wird betont.

Der Verfassungsentwurf beschäftigt sich mit den staatlichen Zielen und der Macht des Staates und der Regierung, der Verteilung der Ämter samt Organbestellungen sowie den grundlegenden Rechten des Einzelnen.

Die wesentlichen staatlichen Kernfunktionen spiegeln sich in dem frühen Verfassungsdokument wider:

  • eine Rechtsordnung mit staatlichen Organen und Friedenssicherungsaufgaben
  • Grundlagen des Zusammenlebens und der Bildung
  • wirtschaftliche Voraussetzungen und Infrastrukturleistungen für die Bevölkerung
  • Gerechtigkeitsfragen und sozialer Ausgleich

Auch gemessen an modernen Grund- und Freiheitsrechten oder an der aktuellen Charta der Grundrechte der Europäischen Union vom 12. Dezember 2007, rechtsverbindlich durch den Vertrag von Lissabon[7], findet ein beachtliches Aufgreifen und teilweise ein um Jahrhunderte vorweggenommener Vorgriff auf heutige Grund- und Menschenrechte und Verfassungsprinzipien statt.

Wesentliche Prinzipien moderner Verfassungen sind in der Tiroler Landesordnung bereits vorgezeichnet. Die Ziele sind stark religiös motiviert und auf das Allgemeinwohl ausgerichtet. Grund- und Menschenrechte finden erstmals Beachtung. Die Grundsätze der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit sind als Gestaltungselemente ersichtlich, aber auch sozialstaatliche Prinzipien sind in einem überraschend starken Ausmaß vorhanden, ja sogar Verbraucherschutzinteressen werden nicht vergessen.

Einige Prinzipien werden durchaus modernen Ansprüchen gerecht und nehmen teilweise die moderne Menschenrechts- und Demokratiediskussion vorweg:

  • Der Gleichheitsgrundsatz wird streng durchgezogen, die Vorrechte von Adel und kirchlicher Hierarchie aufgehoben.
  • Das republikanisch-demokratische Prinzip mit Wahlen ist durchgängig verankert: sowohl in der Gemeinde als unterer Ebene mit dem Richter und den Geschworenen (als Doppelfunktion in Verwaltung und Rechtsprechung) als auch die Bestellung der höchsten Organe (Landesregierung) findet durch demokratische Wahlen statt; ihre Unabhängigkeit und Unbeeinflussbarkeit wird durch eine staatliche Besoldung garantiert.
  • Die Interessen und der Schutz des Verbrauchers dominieren vor dem Produzentenschutz, der im Interesse des Allgemeinwohls einer staatlichen Kontrolle unterliegt: Zins und Wucher werden beschränkt, notfalls kommen Vergesellschaftungen zum Tragen.
  • Ein Verbot der Leibeigenschaft betont die Würde des Menschen und spricht sich gegen unmenschliche Behandlung aus.
  • Die Freiheit wird bewusst gemessen am biblischen Wort als alleiniger Richtschnur.
  • Eine Frauendiskriminierung ist nicht mehr vorgesehen und ist bei Michael Gaismair (Betonung in seiner schriftlichen Eingabe für Frau und Kinder, Protestschreiben nach seiner Flucht aus Innsbruck) im Wesentlichen überwunden.
  • Bildung spielt eine bedeutende Rolle: Die Gründung einer Tiroler Landesuniversität und die Beteiligung von Gelehrten an der Regierung unterstreichen dies.
  • Die soziale Frage bewegt Michael Gaismair: Der Zehent wird erstmals zweckgebunden für die Armenfürsorge verwendet, die Klöster in Spitäler und Altenheime umfunktioniert; eine staatliche Sozialhilfe, ein staatliches Gesundheitssystem mit freien Arzneimitteln und eine Grundversorgung mit Nahrung und Kleidern sind vorgesehen, ebenso wird ein Arbeitsbeschaffungsprogramm vorgezeichnet und eine Geld- statt einer Naturalentlohnung gefordert. Auch hier wird eine ausgewogene Balance sichtbar zwischen der sozialpolitischen Verantwortung des Staatswesens und der individuellen Verantwortlichkeit des Einzelnen.
  • Gezielte Umweltmaßnahmen mit Trockenlegung der mittelalterlichen Moose und Sümpfe und eine Bewirtschaftung mit Obst (Oliven, Wein), wertvollem Getreide und Gewürzen (Safran) werden angeregt und eine wirtschaftliche Autarkie angestrebt.

Natürlich war Michael Gaismair bei allen faszinierenden Ideen auch ein Kind seiner Zeit: Als Bauern- und Söldnerführer war er der Gewalt nicht abgetan, wenn auch sein mäßigender Einfluss in vielen Lebenssituationen – anders als etwa bei seinem Zeitgenossen Thomas Müntzer – erkennbar ist. Vorwürfe der persönlichen Bereicherung konnten nie bewiesen werden.

Der Vorwurf des Landesverrats zählt natürlich im „Heiligen Land Tirol“ schwer. Tatsächlich war Michael Gaismair lange Zeit kaisertreu und setzte sogar große Hoffnungen auf Erzherzog Ferdinand, der aber mit Gaismairs Idealen höchstens machtpolitisch spielte und ihn dann als klaren und gefährlichen Gegner behandelte, zu Fall brachte und brutal töten ließ; sein Gedankengut ließ sich aber auf Dauer nicht unterdrücken.

Michael Gaismairs Einsatz galt in erster Linie seinem Heimatland Tirol, das er ursprünglich gemeinsam mit dem Landesherrn reformieren und erst später, nach dem enttäuschenden, reformunwilligen Verhalten seines Landesfürsten in eine republikanische Staatsform verwandeln wollte. Wie bei allen bäuerlichen Erhebungen wurde die Rezeption des landfremden römischen Rechts abgelehnt, drastisch formuliert in Artikel 7: „dieselben Bücher verbrennen“, und das althergebrachte Gewohnheitsrecht betont. Aufbauend auf diesen alten bäuerlichen und bergmännischen Rechten, angereichert mit demokratischen Elementen ähnlich wie in der nahen Schweiz strebte Michael Gaismair ein modernes staatliches Gemeinwesen an, eingebunden in ein protestantisches Bündnissystem – und in einem europäischen Machtgefüge.

Tiroler „Nationalheld“: Michael Gaismair oder Andreas Hofer?

In Tirol wird Andreas Hofer wie ein Nationalheld gefeiert, zu Michael Gaismair hingegen besteht nach wie vor ein ambivalentes Verhältnis – wenn überhaupt. Was haben eigentlich beide gemeinsam? Beide Südtiroler Persönlichkeiten waren charakterlich willensstark und tapfere Heerführer, die sich auf aufständische „Bauernhaufen“ stützten, aber stark polarisierend wirken konnten. Beide hatten ein Auftreten wie Volkstribunen und zeigten ein hervorragendes organisatorisches Talent, auch in Verwaltungsagenden innerhalb ihrer provisorischen Landesverwaltungen.

Sowohl Michael Gaismair als auch Andreas Hofer waren persönlich anspruchslos, versuchten oft einen mäßigenden Einfluss auszuüben und waren Menschen mit ausgeprägtem Familiensinn. Und beide wurden Spielball höherer politischer Mächte (Wien, Venedig), in der Folge im Stich gelassen und dienten letztlich als Bauernopfer der Mächtigen. Es wurde ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt, beide zum Schluss dem Verrat preisgegeben und in „Welschtirol“ getötet.

Wie steht es nun um die nachhaltige Wirkung dieser berühmten Tiroler Bauernführer? Der historische Unterschied zeigt sich bei beiden Patrioten und ihrem Einsatz für ihre Tiroler Landsleute darin, dass Andreas Hofer politisch auf den Status quo im Habsburgerreich beharrte, während der hochgebildete Michael Gaismair neue zukunftsweisende Ideen entwickelte und eine revolutionäre Veränderung der politischen Landschaft anstrebte. Er hatte eine umfassende gesellschaftliche Neuordnung im Sinn, losgelöst vom Habsburger Herrscherhaus. Er war strikt bibeltreu, aber kirchenkritisch und die reformatorischen Ideen bewusst im Alltagsleben umsetzend.

Während Andreas Hofer nur mit seinem martialischen Gehabe als unkritischer „Haudegen“ in kollektiver Erinnerung bleiben wird, verdient es Michael Gaismair wohl, als höchst markanter Tiroler „Kopf“ in die europäische Ideen- und Sozialgeschichte einzugehen, der – die Tiroler Kirchturmpolitik verlassend – eine in vielerlei Hinsicht grenzüberschreitende europäische Dimension einführte und damals noch unzeitgemäße demokratische Spielregeln entwarf, die dann mit der demokratischen amerikanischen Verfassung vom Jahre 1776 und der Französischen Revolution von 1789 unter dem Schlagwort „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ Furore machten und die heute teilweise als selbstverständlich gelten, teilweise aber weltweit noch ihrer Umsetzung harren.

 

HR Mag. DDr. Erwin Schranz, Jg. 1950
Studium der Rechtswissenschaften, Publizistik und Politikwissenschaften in Wien;
Gerichtsvorsteher i.R., Landtagspräsident a.D., wohnhaft in Bad Tatzmannsdorf
e-mail:

 

 

[1] www.bauernkriege.de/gaismuiz.html (eingesehen am 13.5.2012)

[2] vgl. Josef Macek: Michael Gaismair. Vergessener Held des Tiroler Bauernkrieges, Wien 1988, Seite 258 f

[3] vgl. Hugo Hantsch, Geschichte Österreichs I, Graz-Wien-Köln 1994, Seite 253

[4] Die ursprünglich 62 Meraner Artikel wurden in der Endredaktion um zumindest einen vermehrt, oft auch als 64 Artikel dargestellt; sie dienten als Grundlage für die 96 Innsbrucker Artikel. Vgl. auch Thomas Winkelbauer, Ständefreiheit und Fürstenmacht in: Österreichische Geschichte (Hg. Herwig Wolfram), Wien 2004, S 100 ff

[5] Vgl. Martin Paul Schennach: Zur Landesordnung des Michael Gaismair in THB 74 aus 1999, S. 105 – 115, wobei das Niederreißen der Mauern eher bildlich zu verstehen sei.

[6] Vgl.http://www.bauernkriege.de/gaismair.html (eingesehen am 13.5.2012)

[7] http://eur-lex.europa.eu bzw. zukunfteuropa.at (eingesehen am 13.5.2012)