Foto: EPD Uschmann
Foto: EPD Uschmann

In einem Land mit katholischer Mehrheit geraten die achtjährigen, evangelischen Kinder oft in eine kleine Krise, vor allem die Mädchen. Angefangen von den äußeren Zeichen – wie weißes Kleid, in Wien ein Ausflug in den Prater, viele Geschenke bis hin zu der Erfahrung, „heiliges Brot“ essen zu dürfen -, löste bei den evangelischen Kindern viele Fragen aus: „Warum dürfen die und wir nicht?“; „Sind sie bessere Christen?“; „Sind sie näher bei Gott?“ …

Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass Krisen da sind, um bewältigt zu werden und dabei noch ein beträchtliches Maß an Lernfortschritt gemacht zu haben. Das 20. Jahrhundert wird in der Pädagogik oft als „Jahrhundert des Kindes“ bezeichnet, nach einem Buch zu Beginn des Jahrhunderts von Ellen Key. Reformpädagogische Ansätze konnten sich vor allem bis zum 2. Weltkrieg entwickeln. Nach dem Krieg dauerte es einige Jahrzehnte, bis daran wieder angeknüpft werden konnte. Es kommt also nicht von ungefähr, dass gerade in diese Zeit das Nachdenken über die Zulassung von Kindern zum Abendmahl fällt.

Aus theologischer Perspektive wurde die Sicht des Kindes in biblischer Zeit eingebracht. Auch die Reihenfolge der Sakramente war in der ersten Zeit von Kirche umgekehrt zur heutigen Praxis. Zuerst wurde Abendmahl gefeiert, um an der christliche Gemeinschaft teilnehmen zu können und erst kam die Taufe.

Kontraargumente waren schnell gefunden und veröffentlicht. So meinte Bischof Sakrausky: „Die getauften jungen Christen müssen erst unterwiesen werden, damit sie um ihren Christenstand Bescheid wissen, um die von Gott ihnen angebotene Gnade in Wort und Sakrament richtig verstehen, glauben und gebrauchen zu können. Es ist kaum anzunehmen, daß unsere jungen Christen dies etwa schon im Vorschul- oder Grundschulalter begreifen können, was Sünde, Gottesgericht, Gottesvergebung im Tod und in der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus ist.“ (Ref. Kirchenblatt, 4/1989)

Die Pro-Argmuente zum kinderoffenen Abendmahl holte man sich zumeist aus Deutschland, mit wenigen Ausnahmen. Z. B. ging die Reformierte Kirche einen eigenen Weg, indem schon sehr früh – in den 1970er – Kinder zu den Abendmahlsfeiern eingeladen waren.

Der Sprachgebrauch dokumentiert den Perspektivenwechsel. Bis Ende der 1980er war immer vom „Kinderabendmahl“ die Rede, was auf eine geschlossene Veranstaltung für Kinder verweist. Erst ab Anfang der 1990 trat der Begriff „kinderoffenes Abendmahl immer stärker in den Vordergrund. Hier werden immer Bedenken mitverstanden, dass bestimmte Voraussetzungen (z. B. KIGO-Teilnahme, gemeinsam mit Familienmitgliedern, …) für die Teilnahme beim Abendmahl erfüllt werden müssen.

Eine Versachlichung der Diskussion geschah mit der Trennung von der Diskussion um die Konfirmation. Das Zusammenfallen von Konfirmation und Abendmahlszugang entstand erst im 18. Jahrhundert. Für Luther genügte „Wort, Einsatzung, Befehl und Ordnung“.

Das jahrzehntelange Aufschieben einer Behandlung des Themas in den Synodalausschüssen (Theologischer Ausschuss!) nahm mit einem Brief im Jahr 2000 ein jähes Ende. Zuvor verliefen die Initiativen einzelner Personen (Ernst-Christian Gerhold, Klaus Schacht, div. KIGO-Mitarbeiter) immer wieder im Leeren. Aus den Synodenprotokollen geht hervor, dass einzelne immer wieder versucht haben, sich mit dem „Kinderabendmahl“ auseinanderzusetzen und eine Diskussion darüber zu Stande zu bringen. Dort wo es gelang, kamen die Delegierten zu keinen Ergebnissen. Und so blieb zum jeweiligen Ende einer Session das Thema als unerledigt übrig.

Die Abendmahlshäufigkeit in österreichischen Gemeinden schwankt von dreimal jährlich (Karfreitag, Ostern, Weihnachten) bis zur wöchentlichen Feier. So wird im Volksmund in manchen Regionen Kärntens mit geringer Abendmahlshäufigkeit vom „Beichten gehen“ gesprochen. In Großstadtgemeinden besteht die Tendenz zum wöchentlichen Abendmahl sehr stark. Meine Gemeinde in der Wiener Vorstadt feiert am ersten und letzten Sonntag im Monat Abendmahl.

Gleichzeitig mit dem Beschluss zur Einführung des kinderoffenen Abendmahls im Jahr 2002 wurde eine Mappe zum Thema „Kirche mit Kindern“ herausgegeben, die alle Pfarrgemeinden und Mitarbeiter gratis erhielten. In vielen Pfarrgemeinden war bis dahin schon ein jahrlanger Prozess der Beschäftigung mit Abendmahlsangelegenheiten und die Berücksichtigung der Kinderperspektiven vorausgegangen. In manchen Pfarrgemeinden wurde die Vorbereitung der Kinder auf die Abendmahlszulassung in den Religionsunterricht ausgelagert. Manchmal war es schwerpunktmäßig Aufgabe des Kindergottesdienstes oder der Familiengottesdienste, die Kinder vorzubereiten. Und natürlich gab’s auch Pfarrgemeinden für die der Prozess der Einführung etwas langsamer vor sich ging. Für diese Pfarrgemeinden konnten zusätzliche Unterstützungsangebote in den Diözesen gegeben werden.

Die Praxis des Abendmahls mit Kindern lässt viele Fragen auftauchen.

  • Wein oder/und Traubensaft
  • Brot oder/und Hostie
  • Einsetzungsworte biblisch oder alltagssprachlich formuliert
  • Liturgische Gestaltung
  • Teilnahme von Ungetauften
  • Bedeutung der Konfirmation

Wichtig erscheint mir, dass sich eine breite Basis und alle Verantwortungsträger mit dem Thema Abendmahl auseinandersetzen und dass der Veränderungsprozess behutsam abläuft. Eine entscheidende Frage ist jene, ob es gelingt für Kinder den Unterschied zwischen Alltagskultur und Feierkultur erlebbar zu machen, um dieses Sakrament gut und würdig zu pflegen und zu feiern!

Zur Hervorhebung der „neuen Kinderfreundlichkeit“ konnte im Zusammenhang mit dem Organisationsentwicklungsprozess der Evangelischen Kirche A.B. das Kirchenjahr von Dezember 2005 bis November 2006 als „Jahr der kinderfreundlichen Kirche“ deklariert werden. Einige Aktionen für diverse Zielgruppen wurden von vielen Teilnehmer und Verantwortlichen in Anspruch genommen.

  • Checkliste für Pfarrgemeinden
  • Kreativwettbewerb im Religionsunterricht und in den Kindertagesstätten mit großer Preisverleihung am Samstag vor dem 1. Advent 2006
  • Tauftropfen
  • Newsletter
  • Kinderkirchentag im Süden Österreichs
  • Ehrung von ehrenamtlichen Kindergottesdienstmitarbeiterinnen und -mitarbeitern
  • Diskussionsrunde Ehrenamtliche – Kirchenleitung
  • Hirtenbrief des Bischofs zum 1. Advent 2006

Die Einführung des kinderoffenen Abendmahls drückt die Lebendigkeit von Kirche aus. Die Ausdrucksformen gelebten Glaubens unterliegen einem Wandel, der von Menschen gestaltet werden muss, am Evangelium überprüft wird und die Einflüsse der Wirkungsgeschichte berücksichtigt.

Von Dagmar Lagger

 

Vorschlag für eine Kurzandacht

„Es ist nicht egal, wie man isst“

Lied zur Einstimmung der Tageszeit entsprechend:
EG 455 Morgenlicht leuchtet als Morgenlied oder
EG 489 Gehe ein in deinen Frieden als Abendlied

Lob des Schöpfers: Psalm 104 als Bibeltext oder in einer Nachdichtung

Brot austeilen, auf Kommando so schnell wie  möglich schlucken (wer’s runter hat, steht auf – Kreislaufübung!)

Dein Wort war meine Speise, sooft ich’s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, Herr, Gott Zebaoth. Jeremia, 15, 16

Das Wort Gottes wird mit einer Speise verglichen. Oft haben wir vieles zu „schlucken“. Die Einführung des Abendmahls mit Kindern in meiner Gemeinde könnte man auch mit diesem eiligen Schlucken des Brotes, wie wir es gerade getan haben, vergleichen. Das „Bauchweh“ blieb auch nicht aus!

Nehmt jetzt wieder ein Stück Brot und esst es diesmal langsam und bedächtig

Dein Wort war meine Speise, sooft ich’s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, Herr, Gott Zebaoth. Jeremia, 15, 16

Für alle Speisen – und zwar die für den Magen, die für die Seele und die für den Geist -, wünsche ich euch und auch mir, dass sie uns gut bekommt und verwertet wird!
Mit Gottes Hilfe. Amen.

Lied zum Essen:
z. B. EG 229 Kommt mit Gaben und Lobgesang
oder EG 228 Er ist das Brot

Von Heidelinde Gridl, Religionslehrerin und Lektorin in der Steiermark

 

>>> Weiterlesen