Es ist recht selten, daß über eine Frau aus der Reformationszeit so viel bekannt ist, daß man ihr Leben in den verschiedenen Facetten nachzeichnen kann. Dabei ist anzunehmen, daß die Frauen für die Durchsetzung des evangelischen Bekenntnisses, wahrscheinlich mehr noch für die Bewahrung des evangelischen Bekenntnisses, von ganz großer Bedeutung gewesen sind. Wenn einmal von einer Frau die Rede ist, dann ist das in der Regel jemand gewesen, der zur privilegierten Oberschicht gehörte.

Es waren also Adelige und nur in ganz seltenen Fällen bürgerliche Frauen, deren Lebensumstände und deren Art und Weise der Beförderung der Reformation bekannt sind. Zu den bekanntesten Frauen der Reformationszeit gehört Anna Neumann von Wasserleonburg.

Sie ist als Tochter eines reichen Kaufmannes, der in Villach auch Stadtrichter gewesen ist, im Jahre 1535 zur Welt gekommen. Ihre Mutter war die Tochter eines geadelten Hofbeamten, ihr Onkel spielte am Hofe Rudolf II. eine bedeutende Rolle. Der Vater konnte aufgrund der Verdienste, die ihm der Quecksilberbergbau in Idria einbrachte, im Jahr 1522 die Herrschaft Wasserleonburg am Eingang des Gailtales kaufen. Er verstarb aber schon wenige Monate nach der Geburt seiner jüngsten Tochter. Diese erhielt eine entsprechende adelige und sorgfältige Erziehung. Es ist die Frage, ob und wieweit sie zunächst einmal ihre Jugend planen und ihr Leben selbst gestalten konnte. Eher ist anzunehmen, daß sie im Blick auf diese Lebensgestaltung zunächst von den Konventionen der sozialen Schicht, der sie angehörte, und von dem Lebensstil der Zeit abhängig gewesen ist. Als Zweiundzwanzigjährige heiratete Anna Neumann den Freiherrn Hans Jakob von Tannhausen. Die Familie des Bräutigams zählte zu den bayrischen Adelsgeschlechtern und war über Salzburg in die Steiermark gekommen. Diese erste Ehe dauerte nur drei Jahre. Ihr Gatte verstarb, und auf dem ihm von Anna lange Zeit später gesetzten Grabmal findet sich der Satz aus Jes 52 und 53 „Fürwahr er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“.

Es scheint also, als ob Anna Neumann von Kind auf evangelisch gewesen ist. Das bedeutete, daß sie Anteil hatte an der Verkündigung der evangelischen Botschaft, daß sie diese, soweit sie selbständig handeln konnte, förderte und daß sie selbst aus diesem Glauben heraus lebte.

Erst sechs Jahre nach dem Verlust ihres ersten Gatten heiratete Anna Neumann neuerlich. In der Zwischenzeit hat sie sich wohl um die beiden Kinder, die Mädchen Elisabeth und Barbara, gekümmert. Der zweite Gatte von Anna Neumann war der Schloßherr von Murau, Christoph von Liechtenstein. Durch ihn, die Ehe mit dem im Jahr 1580 Verstorbenen blieb kinderlos, wurde Anna Neumann Herrin von Murau. Und hier fand sie tatsächlich ihre Heimat. Murau wurde nicht nur Besitz, den sie erst ihrem sechsten und letzten Gatten vermachte, sondern auch der normale Sitz ihres Lebens. Und hier in Murau war sie auch nicht nur die Gattin des Herrschaftsbesitzers, sondern die Herrin der Herrschaft. Das zeigte sich in vielen verschiedenen Handlungsweisen, vielleicht auch darin, daß man sie immer wieder in Hexen- und Zauberprozessen anschuldigte. Es gelang aber niemandem, ihr etwas nachzuweisen; es war wohl auch so, daß sie durch ihren adeligen Stand vor willkürlichen Angriffen geschützt war. Sicher trug je länger, desto mehr ihr evangelisches Bekenntnis zu diesen Anschuldigungen mit bei.

Andererseits kann festgestellt werden, daß gerade die Herrschaft Murau bis weit in das 18. Jahrhundert hinein ein Kerngebiet des heimlichen steirischen Protestantismus gewesen ist. Dies wäre wohl kaum der Fall gewesen, wenn nicht Anna Neumann der Festigung des evangelischen Bekenntnisses wohlwollend gegenübergestanden wäre.

Man kann indessen von ihr vor allem nachweisen, daß sie ihre Rechte als Grundherrin wahrgenommen hat. Und das war in einer Zeit, in der das adelige Selbstbewußtsein gestiegen ist und in der die Kosten der Lebenshaltung dementsprechend explodierten, gar nicht so einfach. Sie scheint eine energische Herrin gewesen zu sein, die auch in den wechselnden Ehen, und zwar je länger, desto mehr, die Führung innehatte. Es war sicher so, daß sie innerlich von Toleranz erfüllt war, waren doch vier ihrer Ehegatten römisch-katholischen Bekenntnisses, darunter auch der von ihr im Jahr 1617 geheiratete Georg Ludwig Graf von Schwarzenberg, der um nicht weniger als 50 Jahre jünger als sie gewesen ist. Selbstverständlich war diese Eheschließung nicht als Ehe im eigentlichen Sinn zu sehen, sondern als die Sicherung des Vermögens der Anna Neumann, die auch ganz offiziell durch den Hof betrieben worden ist. Und es war einfach so, daß nach dem frühen Tod des fünften Gatten, der ebenfalls katholisch gewesen ist, versucht wurde, diesen reichen Besitz im oberen Murtal einer katholischen Familie zu sichern; das ist ja auch gelungen, hat sie doch ihr Gatte überlebt und den reichen Besitz der Familie eingebracht, die ihn heute noch zu eigen hat.

Anna Neumann überlebte die evangelische Zeit der Steiermark. Vom Jahr 1600 an war das organisierte evangelische Kirchentum zerstört. 1627/28 hatten die evangelischen Adeligen das Land zu verlassen. Sie selbst konnte zunächst bleiben, war aber dann davon nicht mehr betroffen, ist sie doch am 18. Dezember 1623 verstorben. Aber es mußte ihr klar sein, daß die Rekatholisierung des Landes vor sich ging.

Es war ja auch so, daß man ihr nach ihrem Tod das Begräbnis in der Stadtpfarrkirche Murau, wo die Liechtenstein ihre Grablege hatten, verweigert hat. Gerade diese Kirche, die im 16. Jahrhundert mit Fresken im evangelischen Geist geschmückt worden ist, also heute noch in hohem Maße der Erinnerung an diese evangelische Zeit des oberen Murtales Raum gibt, konnte nicht ihr Grab aufnehmen. Anna Neumann wurde in der Elisabethkirche (der Kapelle des Spitals in Murau) bestattet. Diese Elisabethkirche ist nunmehr die Pfarrkirche der evangelischen Pfarrgemeinde Murau. Leider ist seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts Anna Neumann dort nicht mehr bestattet.

Es war damals ein Archäologe aus Graz gekommen, der ohne jede Erlaubnis das Grab aufgebrochen hat und auch einen wertvollen Ring an sich nahm. Daraufhin hat der damalige Besitzer der Herrschaft Murau, also ein Angehöriger der Grafen (nunmehr Fürst) Schwarzenberg, dafür Sorge getragen, daß Anna Neumann in der Kapuzinerkirche in Murau ein neues Grab fand.

Außer zwei Bildern kündet wenig mehr von dieser adeligen, reichen und in ihrer Jugend auch schönen Dame, die sich die Durchsetzung des Evangeliums zum Anliegen hat sein lassen. Die evangelische Insel in und um Murau ist durch die Transmigrationen des 18. Jahrhunderts vollständig verschwunden, und erst seit wenigen Jahren sammeln sich dort wieder Evangelische zu einer Tochtergemeinde, nunmehr zu einer Pfarrgemeinde.

 

Gustav Reingrabner: Eine Wolke von Zeugen – Anna Neumann von Wasserleonburg In: Glaube und Heimat 1993, S.36-39.