Der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine für den österreichischen Protestantismus äußerst lebhafte Zeit. Nicht unwesentlichen Anteil daran hatte die sogenannte „Los von Rom“-Bewegung. Sie war 1897 entstanden, als man die angebliche oder wirkliche Verbindung der katholischen Kirche und des mit ihr verbundenen Habsburger Reiches mit allen möglichen nicht-deutschen Bewegungen in der Monarchie angriff. „Ein deutscher Mann kann nicht römisch sein“ war eine der damals ausgegebenen Parolen. Nach einer anderen bekam die ganze Bewegung ihren Namen. Obwohl es sich bei ihr um ein durchaus in Distanz zum Christentum stehende Haltung handelte, gelang es doch, einen erheblichen Teil der damals von Rom Wegwollenden zu einem Übertritt in die evangelische Kirche zu bewegen.

Das gab in der österreichischen Kirche allerlei Auseinandersetzungen. Während die einen sehr vorsichtig waren und meinten, derartige Übertritte brächten nichts, weil sie gar nicht aus Glaubensgründen erfolgten, sahen die anderen in dieser Bewegung eine Chance, wieder zu einem „evangelischen Österreich“ zu kommen. Insgesamt stellte die Übertrittsbewegung, die innerhalb von etwa eineinhalb Jahrzehnten rund 50.000 Personen der evangelischen Kirche zuführte, zusammen mit der damals ebenfalls recht lebhaften Einwanderungs-, bzw. innerösterreichischen (Ungarn eingeschlossen) Binnen-Wanderungsbewegung die Kirche vor erhebliche Probleme. Wie konnte man diese Menschen, die vom Luthertum wenig oder nichts verstanden, die aus ihrer Pfarre oder Gemeinde ausgebrochen waren und nun allein, also ohne tatsächliche kirchliche Bindung dastanden, in der Kirche halten? Dazu bedurfte es Gemeinden, Kirchenbauten und Geistlicher. Das musste noch dazu in einer Atmosphäre des Misstrauens und der Vorbehalte seitens der staatlichen Behörden verwirklicht werden, denn nun lebten plötzlich in Städten und Gegenden Evangelische, in denen bisher davon noch keine Rede gewesen war.

Allein in der Steiermark (die damalige Untersteiermark eingeschlossen), wo es im Jahre 1899 sieben Pfarrgemeinden (davon drei Toleranzgemeinde.) gegeben hat, entstanden bis zum Jahr 1902 zehn weitere Pfarrgemeinden, gleichzeitig stieg die Zahl der PredigtsteIlen von zehn auf 42.

Dass diese Probleme wenigstens einigermaßen bewältigt werden konnten, verdankte man der großen Hilfe aus Deutschland. Das Gustav-Adolf-Werk unterstützte die Kirchenbauten, der Evangelische Bund suchte nach Vikaren, die bereit waren, nach Österreich zu gehen, und sorgte weitgehend für ihre dortige Besoldung. Nicht alle, die hierherkamen, wurden dann als Pfarrer bestätigt, und zwar in der Regel deshalb nicht, weil sie die österreichische Staatsbürgerschaft nicht erlangen konnten oder wollten. Nicht wenige aber wurden doch Pfarrer und verblieben eine kurze oder längere Zeit im Lande. Die, die ganz blieben, erreichten nicht selten „höhere kirchliche Ämter“ und bestimmten dann die Geschichte des österreichischen Protestantismus in der Zwischenkriegszeit in erheblichem Maße. Die, die nach einigen Jahren wieder nach Deutschland zurückgingen, haben dort dafür gesorgt, dass das Interesse am österreichischen Protestantismus nicht erlosch und weit über die eigentliche Los-von-Rom-Zeit hinaus erhalten blieb.

Zu diesen gehört auch Wilhelm Ilgenstein.

Sein Werdegang war fast typisch für die vielen Los-von-Rom-Vikare, die es damals in Österreich gegeben hat. Er war am 3. Februar 1872 in Bernburg im Anhaltischen geboren worden, hatte zwischen 1892 und 1895 sein Theologiestudium in Tübingen, Leipzig und Halle absolviert und wurde dann Hauslehrer in Bernburg. Nach dem im Juli 1898 abgelegten zweiten theologischen Examen (der Pfarramtsprüfung) wurde er für sieben Monate Vikar in einer Gemeinde in der Sachsen-Anhaltischen (Provinz-) Kirche.

Der große Förderer der evangelischen Bemühungen um die Los-von-Rom-Leute, der damalige Superintendent D. Friedrich Meyer in Zwickau, forderte ihn wie manchen anderen auf, nach Österreich zu gehen. So kam Ilgenstein am 24. 5. 1899 nach Fürstenfeld. Dort sollte er den zuständigen und in Graz tätigen Pfarrer, Karl Paul Eckardt, der erst im Jahr vorher dorthin berufen worden war, unterstützen. Offiziell hieß das: „Personalvikar von Pfarrer Eckardt mit dem Sitz in Fürstenfeld.“ Ilgenstein wurde ein halbes Jahr später als solcher bestätigt, daraufhin am 14. Jänner 1900 zum geistlichen Amt ordiniert. Er begann mit dem Aufbau der Gemeinde. Die Zahl der Evangelischen wuchs so rasch an, dass gegen Ende des Jahres 1902 Fürstenfeld zur selbständigen Pfarrgemeinde erhoben werden konnte, obschon natürlich noch keine Kirche vorhanden war, sondern die Gottesdienste dort in einem Eiskeller gehalten werden musste.

Ilgenstein wurde aber im Feber 1903 zum Pfarrer dieser “Eiskellergerneinde“ gewählt und am 4. Juni 1903 als solcher bestätigt.

Nun hatte er doch nicht wenige Aufgaben, die blieben, auch als die erste Hochflut der Los-von-Rom-Bewegung vorbei war: Er musste die Gemeinde überhaupt erst einmal sammeln, also bestimmte Strukturen schaffen, und zum Besuch und zur Mitarbeit an den gemeindlichen Veranstaltungen (Gottesdienste, Familienabende, …) bewegen. Er musste aber gleichzeitig die Vorbereitungen für einen Kirchenbau treffen.

Das bezog sich zunächst einmal auf die Gewinnung finanzieller Mittel. Solche waren auch für die Sicherung der weiteren Existenz der Gemeinde notwendig. Sie waren aber nur in Deutschland zu finden. So war ein solcher Pfarrer oft und weit unterwegs. Die Vorbereitung für den Kirchenbau betrafen aber auch die Beschaffung eines Grundstücks, sowie die Vorbereitung der behördlichen Genehmigungen.

Schon seit seinem Eintreffen in Fürstenfeld aber war Ilgnstein bemüht, auch in gedruckter Form Kunde von dieser neuen Gemeinde zu geben und auf diese Weise auf sie aufmerksam zu machen. Es zeigte sich damals schon seine literarische Begabung, die er später weiter pflegte und die immer wieder auch dem österreichischen Protestantismus zugutekam.

Die Schwierigkeiten des Anfangs waren denn doch nicht bedeutend – Ilgenstein entschloss sich schon im Jahr 1906, nach Anhalt zurückzukehren. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Inspektor des Berliner Schriftenmissionsvereines ging er nach Düsseldorf, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1936 tätig war. Er lebte dann im Schwarzwald, wo er am 2. März 1959 starb. Damals war Fürstenfeld längst selbst wieder zur „Muttergemeinde“ anderer oststeirischer Pfarrgemeinden geworden – die von Ilgensteins Nachfolger erbaute Kirche in Fürstenfeld feierte schon das Fest ihres 50jährigen Bestehens! So lange konnte er zusehen, was aus der von ihm gegründeten Gemeinde geworden war.

Allein, wie auch mit seiner zweiten Gattin, Anna Katterfeld, schrieb er allerlei kurze und längere Darstellungen, die einerseits an die Zeit in Fürstenfeld erinnerten, andererseits aber einen Eindruck vom Luthertum in Österreich geben sollten. Er erreichte nicht die literarische Bedeutung, die seiner Frau zukam, war aber vor allem in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg durchaus darin aktiv, das Besondere an dieser österreichischen Protestantengeschichte darzustellen. Und das war in einer Zeit, in der diese Kirche viel an Unterstützung brauchte, gar nicht unwichtig.

 

Gustav Reingrabner: Eine Wolke von Zeugen – Wilhelm Ilgenstein
Aus: Glaube und Heimat 1999, S. 37-39.