Wenn die Stephanskirche als Zentrum des römisch-katholischen Wien bezeichnet werden kann, dann könnte man das Burgtheater zum Haus des protestantischen Wien erklären, sind doch weder dessen Spielplan noch dessen Direktionen und Schauspielerinnen und Schauspieler ohne Protestantismus österreichischer, deutscher und hugenottischer Identität vorstellbar. Die großen klassischen Dichter wie Goethe, Schiller, Lessing, Hauptmann, Ibsen u.v. a. reisten durch ihre Werke oder persönlich nach Wien und mit ihnen humanistische Gedankenwelt protestantischer Prägung. Die großen Direktoren, die das Burgtheater konsolidiert und zu dem gemacht haben, was es bis heute darstellt, kamen nicht nur aus Wien, sondern auch aus Sprottau, Marburg, Rostock, Hamburg und Berlin. Ihnen folgten zahlreiche Schauspielerinnen und Schauspieler aus Deutschland, die in Wien berühmt wurden.

Das Bekenntnis spielte in diesem Metier eine untergeordnete Rohe, da Schauspielerinnen und Schauspieler ein »freies Volk« waren, deren Bühnenleistung im Vordergrund stand und so manche Abweichung von einem bürgerlichen Lebenswandel zugestanden wurde. Da ging man dann sowohl über Amouren, die den Ruf sogar noch anheizten, ebenso großzügig hinweg wie etwa über das protestantische Bekenntnis. Für  Kaiser Franz Josef I. und seine Zeitgenossen war das Burgtheater ein Olymp, zahlreiche Darstellerinnen trugen die Beinamen von Göttinnen, etwa Charlotte »Juno« Wolter. Schauspielerinnen und Schauspieler, die es an die Spitze schafften, genossen eine gewisse »Narrenfreiheit« – so machte man nach dem Krieg Paula Wessely jahrzehntelang nicht für ihre Mitwirkung in Propagandafilms des Nationalsozialismus verantwortlich und holte sie 1953 wieder an das Burgtheater, wo sie noch weitere 32 Jahre auftrat.

Die Nationalsozialisten nahmen das Burgtheater zwar sofort in Beschlag, vermieden es jedoch, das Publikum zu verärgern. So blieben die aufrührerischen Couplets Nestroys erlaubt – bloß einmal, als Hitler zu Besuch war, wurden sie verboten. Wer heute gegen das Burgtheater ist oder gegen kritische Stücke, die da aufgeführt werden, ist gegen Österreich. Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard durften die Aggressionen ausgiebig genießen: »Denn man sagt nicht, ich hätte die Wahrheit gesagt oder versucht, über diese Wahrheit zu sprechen, sondern man sagt, ich hätte etwas gesagt, was man besser nicht hätte sagen dürfen, was man besser hätte ruhen lassen.« (Elfriede Jelinek über ihr Stück »Burgtheater«, das 1985 in Bonn uraufgeführt wurde.) Herr Karl würde sagen: »Ich geh zwar nicht in das Burgtheater, aber ich lass nix drüber kommen.«

Rudolf von Alt: Michaelertor der Hofburg und altes Burgtheater, Aquarell 1888.            Aus Wikimedia Commons

Die Entscheidung, dem Hofburgtheater eine klare programmatische Ausrichtung zu geben, fiel unter Joseph II. 1776. Bis dahin erlebte es seit seiner »Gründung« 1741 durch Maria Theresia eine wechselvolle Geschichte, und orientierte sich im Geist der Gegenreformation eher an italienischen und französischen Opern. Deutschsprechende Schauspieler waren damals in der Minderzahl. Maria Theresia sah das Theater als Ort der sittlichen, moralischen und sprachlichen Bildung. Joseph II. reformierte das Theater im Sinne Joseph von Sonnenfels’ und entschied, dass das »Theater nächst der Burg« zum »teutschen Nationaltheater« werden sollte. Mit dieser Positionierung konnte es sich kontinuierlich entwickeln, erst demokratisch von unten, indem den Schauspielern (unter Ausschluss der Frauen) freigestellt wurde, einen Direktor zu wählen. Ins Repertoire sollten nur gute deutsche Stücke oder »wohlgeratene« Übersetzungen gelangen. Zensur war natürlich selbstverständlich und so befahl Joseph II., dass die Stücke ohne »Leichenbegängnisse, Kirchhöfe, Totengrüfte und ähnliche traurige Auftritte« gespielt wurden. Es kam zu einem typischen Wiener Kompromiss: »Romeo und Julia« wurde mit Happy End gezeigt und erst 1816 in der Originalversion, ähnlich war es mit Henrik Ibsens »Nora«.

Burgtheater zwischen 1890 und 1900.       Aus Wikimedia Commons

Der Bau der im 19.Jahrhundert bedeutendsten Bühne Europas wurde dem erfahrensten und meistbeschäftigten Theaterarchitekten Europas anvertraut, dem Protestanten Gottfried Semper. Ihm zur Seite stand der noch junge prominente protestantische Wiener Architekt Carl von Hasenauer.

Direktoren

Schauspielerinnen und Schauspieler

Aus: Monika Salzer/Peter Karner: Vom Christbaum zur Ringstraße. Evangelisches Wien. 2., verbesserte Auflage, Wien 2009, S. 165-174.

 

Weblinks (Auswahl):