An der Wiener Universität waren ab dem 19.Jahrhundert viele Evangelische zu finden, darunter viele nicht in Wien gebürtige, denn Wissenschaftler gehörten stets zu den mobileren Zeitgenossen mit einer großen Reisebereitschaft und Offenheit für andere Kulturen. Abgesehen von der Reformationszeit Anfang des 16.Jahrhunderts, in der viele Sympathisanten der »neuen Lehre« an der Alma Mater Rudolphina studierten, gab es ab dem Ende des 16.Jahrhunderts bis zum Jahr 1778 keine Protestanten an der Wiener Universität. Die Universität galt bis in das 19.Jahrhundert als »katholischer Boden« und selbst berufene Professoren mussten immer wieder gegen die latente Protestantenfeindlichkeit kämpfen. Durch die Reformen auch im Anschluss an die Revolution 1848, deren nachhaltigster Erfolg Artikel 17 im Staats-Universitätgrundgesetz war – »Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei« –, drängten immer mehr internationale Studenten und damit auch Protestanten aus Deutschland und der Schweiz nach Wien. Unterrichtsminister Leo Graf Thun-Hohenstein reformierte das Bildungs- und Hochschulwesen grundlegend und berief zahlreiche Professoren aus dem Ausland. Weil Bildung im Protestantismus immer einen hohen Stellenwert hatte und Protestanten wesentlichen Anteil an den Bildungsreformen in Deutschland und Österreich hatten, ist es nicht verwunderlich, dass an der Wiener Universität überproportional viele protestantische Lehrer unterrichteten. Auch wenn nicht wenige evangelische Professoren großdeutsch bzw. deutschnational dachten und ihre Lehre davon nicht unberührt blieb, brachten nicht sie allein das deutschnationale und antisemitische Gedankengut nach Wien.

1938, nach dem »Anschluss« an das Deutsche Reich, wurde die »Gleichschaltung« der Universität rasch durchgeführt. Die Folge war ein wissenschaftlicher Massenexodus: 45 Prozent aller Professoren und Dozenten wurden aus politischen oder »rassischen« Gründen entlassen.

Arkadenhof der Universität Wien.                              Aus: Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Die Büsten im Arkadenhof, der das räumliche Zentrum der Universität bildet (Heinrich Ferstel, Eröffnung 1884) und nach dem italienischen Vorbild des Campo Santo gestaltet ist, erinnern an die große Schule evangelischer Bildung, für die drei Prinzipien galten: die Freiheit des Individuums, die Absage an den Wahrheitsanspruch und damit die Aufwertung des Irrtums und eine protestantische Ethik, die sich in vielen Karrieren ausdrückte. Die Professoren, die die Ehre erhielten, im Arkadenhof eine Büste zur Erinnerung zu erhalten, hatten zur Entwicklung der Wiener Universität entscheidend beigetragen, die meisten im Bereich der Medizin.

Evangelische Wissenschaftler im Arkadenhof der Universität

 

Aus: Monika Salzer/Peter Karner: Vom Christbaum zur Ringstraße. Evangelisches Wien. 2., verbesserte Auflage, Wien 2009, S. 180-188.