Die tolerante Haltung Kaiser Josefs II. gegenüber den „AKatholiken“, d.h. den Nicht-Katholiken, hatte in Rom Beunruhigung ausgelöst. Das 1781 erlassene Toleranzpatent für die Protestanten und die Griechisch-Orthodoxen bewog Papst Pius VI. schließlich nach Wien aufzubrechen, um Josef nachdrücklich an seine Pflichten als römisch-deutscher Kaiser, nämlich Beschirmer der römischen Kirche zu sein, zu erinnern. Einen ganzen Monat lang, vom 22. März bis zum 22. April 1782 hielt sich der Papst in Wien auf, die Verhandlungen mit dem römisch-deutschen Kaiser verliefen jedoch großteils ergebnislos, Josef II. wich entweder den Gesprächsterminen „aus gesundheitlichen Gründen“ aus oder blieb unnachgiebig. Vor allem in prinzipiellen Fragen, was die Toleranz gegenüber den „akatholischen“ Untertanen betraf, aber auch bezüglich der Klosteraufhebungen und der eingezogenen Besitzungen der aufgehobenen Klöster war der Kaiser zu keinem Kompromiss bereit. Als Pius VI. am 22. April 1782 Wien verließ, soll Josef dies mit einem Seufzer der Erleichterung quittiert haben.

Der Kirchenjurist Kardinal Giovanni Angelo Conte Braschi (1717-1799) war 1775 zum Papst gewählt worden, als Pius VI. war er fast ein Viertel Jahrhundert lang, bis zu seinem Tod am 29. August 1799, Papst. Als er im März 1782 nach Wien reiste, stand er in seinem 65. Lebensjahr, während Josef, der 1764 zum römisch-deutschen König gekrönt worden war, nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Franz I. 1765 Kaiser geworden und im selben Jahr von seiner Mutter Maria Theresia zum Mitregenten in den habsburgischen Ländern ernannt worden war, wenige Tage vor der Ankunft des Papstes in Wien seinen 41. Geburtstag gefeiert hatte.

Den Hintergrund des ersten offiziellen Besuchs eines Papstes in Österreich bildete die Unzufriedenheit Roms mit der Reformpolitik Kaiser Josefs II. Der vom Geist der Aufklärung inspirierte Kaiser hatte mit der konsequenten Fortsetzung der bereits unter seiner Mutter begonnenen Reformen großen Unmut beim Klerus erregt. Nach dem Tod Maria Theresias 1780 Alleinherrscher, führte Josef die Reformen zügig weiter: Der Tolerierung der Protestanten, der Griechisch-Orthodoxen und der Juden folgte die Aufhebung aller geistlichen Orden, die sich weder dem Schulunterricht noch der Krankenpflege widmeten. Vorangegangen war die bereits im Jahre 1773 in der gesamten katholischen Kirche vorgenommene Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV.

Am 27. Februar 1782 verließ der Papst mit bescheidenem Gefolge Rom, am 14. März erreichte er zwischen Udine und Gorizia österreichisches Territorium. Hier wurde er durch Vizestaatskanzler Graf Philipp Cobenzl und den Wiener Nuntius, Monsignore Garampi, empfangen und über Laibach, Graz nach Bruck/Mur, wo er vom Wiener Erzbischof Christoph Anton Migazzi erwartet wurde, weiter über den Semmering geleitet. Am 22. März 1782 kam es bei Neunkirchen, wohin Kaiser Josef II. dem Papst entgegen gereist war, zur ersten persönlichen Begegnung; der Papst stieg in die kaiserlichen Prunkkarosse um und errichte noch am selben Tag die Haupt- und Residenzstadt Wien, wo er zunächst in der Kapuzinerkirche eine Messe zelebrierte und am Grab Maria Theresias ein Gebet verrichtete. Während seines Aufenthaltes in Wien logierte Papst Pius VI. in den ehemaligen Gemächern Maria Theresias in der Wiener Hofburg. Höhepunkt seines Wien-Aufenthaltes war der Ostergottesdienst im Stephansdom und die Erteilung des Ostersegens von der Balustrade der Kirche Am Hof aus.

Bei seinen Verhandlungen mit dem Kaiser gewannen beide persönlich einen guten Eindruck voneinander und hatten füreinander großen Respekt. Doch verliefen die Verhandlungen fast ergebnislos: Der Kaiser blieb hart, vor allem in Sachen Toleranz, Zensur, Klerusausbildung, Ehedispense und Ordensbesitz. Nur bei der Kirchenverfassung, insbesondere Bischofsernennungen konnte der Primas von Ungarn einen Kompromiss durchsetzen.

Rund zweihundert Jahre dauerte es, bis wieder ein Papst Österreich besuchte. Johannes Paul II. war insgesamt dreimal (1983, 1988 und 1998) in Österreich. Wichtiges Thema bei allen Besuchen war Österreichs Position in Mitteleuropa. Bei einer „Europa-Vesper“ am Heldenplatz bezeichnete der Papst am 10. September 1983 Österreich als „Spiegel und Modell“ Europas. Leider sei nicht ganz Europa „frei von fremder Herrschaft und kriegerischer Auseinandersetzung, frei von unmittelbarer äußerer Bedrohung, unbelastet von hasserfüllten inneren Auseinandersetzungen“, betonte der Papst damals, der auch einen Gruß an alle Nachbarn Österreichs aussandte.

Anlässlich des Besuches von Benedikt XVI. in Wien wurde dem Papst am 7. September 2007 im Arbeitszimmer des österreichischen Bundespräsidenten ein „Zeremonialprotokoll“ zum Besuch Pius’ VI. im Jahre 1782 vorgelegt. Die Aufzeichnungen in diesem Band, der im Haus-, Hof- und Staatsarchiv aufbewahrt wird, nehmen unter anderem Bezug auf die Unterbringung des Papstes im Appartement der 1780 verstorbenen Kaiserin Maria Theresia. In diesen Zimmern im Leopoldinischen Trakt der Wiener Hofburg befinden sich heute die Amtsräume des österreichischen Bundespräsidenten.

Von Ernst Petritsch