Flüchtlinge waren unmissverständliche Vorboten des Zusammenbruchs des Dritten Reiches. Schon in den Monaten davor, endgültig nach dem Zusammenbruch kamen aus den Ostgebieten zehntausende Flüchtlinge; etwa 70.000 von ihnen waren evangelisch. Neben den Kriegsversehrten, den Waisen mussten sie trotz der großen Not und den Zerstörungen unverzüglich versorgt werden.

Noch mehr als der äußere Ausbau der evangelischen Kirche war eine inhaltliche Neuorientierung dringend notwendig. Sie ist mit dem Namen Bischof Gerhard Mays verbunden, der den Transformationsprozess vom Nationalsozialismus zum neuen Österreich und die Austrifizierung (K. Schwarz) der evangelischen Kirchen vorantrieb. Zu einem Schuldbekenntnis wie in der neuentstehenden Bundesrepublik Deutschland kam es nach 1945 zwar nicht, sehr wohl aber zu einem Schuldeingeständnis. May fragte im Jänner 1946 öffentlich, warum das Evangelium die Christen nicht immun … gegen die Infektion durch die [nationalsozialistische] Propaganda gemacht hat.

Innerhalb der evangelischen Kirche fand zwar keine eigene Entnazifizierung statt, jedoch wurden nur zwei Pfarrer staatlicherseits als minderbelastet befunden. May verordnete der evangelischen Kirche dennoch eine Abstinenz von der Tagespolitik bei einer klaren Trennung von Staat und Kirche.

Die Austrifizierung der Kirche legte den Grundstein zum Protestantengesetz 1961.

 

(Karl-Reinhart Trauner)

 

 

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