Im Jahr 1938 wurden die bis dahin blühenden evangelischen Frauenvereine, die eben erst knapp vorher eine Zentralorganisation unter der Leitung der Baronin Marianne Rinaldini aufgebaut hatten, durch die neuen Machthaber aufgelöst. Fast gleichzeitig wurde auch die Weiterführung der von der Inneren Mission unterhaltenen Evangelischen sozialen Frauenschule untersagt. Der damalige Präsident des Oberkirchenrates, Dr. Heinrich Liptak, berief daraufhin die bisherige Leiterin der genannten Schule, Helga Hartmann als Referentin in den Oberkirchenrat und betraute sie mit der Leitung der neu einzurichtenden kirchlichen Frauenbibelarbeit.

Helga Hartmann war im Jahr 1931 nach Wien gekommen und hatte hier die Leitung der seit 1918 bestehenden Frauenschule übernommen. Zu Hause war sie in Dresden. Hier kam sie am 27. Juli 1899 als Tochter eines Professors und Geheimrates zur Welt. Nach theologischen und philosophischen Studien entschied sie sich für soziale Tätigkeit, absolvierte die soziale Frauenschule der Inneren Mission in Berlin und arbeitete dann als Angestellte des Dresdner Stadtrates in der Gefährdetenfürsorge. Sie war zunächst nur beurlaubt, entschied sich dann aber für das Bleiben, wobei sie als Grund selbst das Wort aus Jeremia 20, 7 nannte: „Herr, du hast mich überredet, du bist mir zu stark geworden, du hast gewonnen.“

Die Schule war 1931 provisorisch untergebracht und bildete vor allem Kräfte für die private und öffentliche Wohlfahrtspflege aus; eine katechetische Zurüstung war freiwillig und wurde neben der fürsorgerischen Ausbildung angeboten. Die Absolventen der Schule traten auch vorwiegend in den öffentlichen Dienst. Dementsprechend versuchte 1938 der neue Staat, Helga Hartmann für die Leitung einer zu gründenden nationalsozialistischen Ausbildungsstätte für Wohlfahrtspflege zu gewinnen. Sie lehnte es mit der Begründung ihrer unbedingten Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche ab.

Es lässt sich in wenigen Zeilen kaum schildern, welche Aufgaben mit dem Aufbau der Frauenarbeit in Österreich verbunden waren. Frau Hartmann hat den ihr zuerkannten Titel „Kirchenrat“ niemals verwendet, war aber in ihrer Arbeit so erfolgreich, dass bei der Generalsynode 1949 (zum Unterschied von anderen zentralen Arbeitsformen) die Weiterführung der Frauenarbeit als Dank der Kirche beschlossen wurde.

Damals hatte sie allerdings bereits über Wunsch von Bischof D. Gerhard May eine „neue“ Frauenschule errichtet, die nunmehr für den kirchlichen und den sozialen Dienst ausbilden sollte. Neben der Leitung dieser Schule behielt Frau Hartmann auch die Leitung der evangelischen Frauenarbeit und konnte die nun sich ergebenden Möglichkeiten nach Kriegsschluss nützen und eine Erholungsfürsorge für Mütter, ältere Frauen und kinderreiche Familien einrichten; darüber hinaus organisierte sie in den Jahren nach dem Krieg und dann wieder nach 1956 eine umfassende Flüchtlingshilfe.

Sie vermochte Menschen zur Mitarbeit zu gewinnen, vermochte aber auch zu gemeinsamem Werk beizutragen. So war sie es, die schon früh Kontakte mit der katholischen „Caritas“ anknüpfte und mit der deutschen Hilfsaktion „Brot für die Welt“ zusammenarbeitete (in Österreich wurde sie „Brot für Hungernde“ genannt). Aus dem Provisorium der zwei Wohnbaracken, in denen die Frauenschule im Herbst 1947 wiedererrichtet worden war, übersiedelte sie 1958 in das schöne Haus in der Severin-Schreiber-Gasse. Das alles wäre ohne ihre Verbindungen und ohne den guten Kontakt, den sie mit den Absolventinnen der Frauenschule zu halten vermochte, nie möglich gewesen. Helga Hartmann selbst schreibt über das gelungene Werk: „Wir haben Überwältigendes erfahren, dass Gott Gebete erhört und die Herzen der Menschen uns zuwenden und zur Hilfeleistung verwenden kann.“

Die doppelte Belastung konnte Frau Direktor Hartmann tragen, weil sie sowohl in der Frauenarbeit wie auch in der Frauenschule geeignete und treue Mitarbeiterinnen fand. Bis in die letzten Jahre ihrer Tätigkeit verstand sie es, ihre Arbeit neuen Gegebenheiten anzupassen und sowohl im Lehrplan der Schule wie auch in den Arbeitsformen der Frauenarbeit den Notwendigkeiten Rechnung zu tragen, ohne das tragende Fundament zu verlassen. Es ging ihr immer um Arbeit in der Kirche, die vom Glauben getragen war.

1963 wurde ihr für ihre Leistungen das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen, 1965 sprach ihr der Bundesminister für Unterricht anlässlich ihres 30jährigen Dienstjubiläums den Dank aus. Der Oberkirchenrat hat Frau Direktor Hartmann an lässlich ihres Übertrittes in den Ruhestand in „warmer Weise“ Dank und Anerkennung ausgesprochen.

Schon 1965 hatte sie die Leitung der Frauenschule an die württembergische Pfarrvikarin Maria Hermann übergeben und war dann noch bis zum 20. März 1967 als Leiterin der Frauenarbeit tätig. Es waren ihr nur wenige Jahre des Ruhestandes gegönnt. Nach längerer Krankheit verstarb sie am 20. Juli 1971 in Wien. Der Nachruf, der im Amtsblatt der Evangelischen‘ Kirche in Österreich veröffentlicht wurde, schließt mit dem Satz:
„Mit Frau Direktor Helga Hartmann verliert die Evangelische Kirche in Österreich nicht nur einen ihrer Pioniere auf dem Gebiet des Ausbildungswesens, sondern eine der Frauen, die durch unverzagten Glauben, rasche Entschlusskraft und lauterste Gesinnung die Sache der evangelischen Frau in Österreich, damit aber der ganzen evangelischen Kirche Achtung und Ansehen verschafft hat.“

Anstelle eines Versuches, die Persönlichkeit von Helga Hartmann zu beschreiben, soll der Satz stehen, mit dem sie ihren Beitrag in der Festschrift ,,50 Jahre evangelische Frauenschule“ geschlossen hat: „Für mich ist das Letzte nicht der Rückblick auf das Menschliche, sondern der Ausblick, dass Gott der Herr seine Ernte einbringen wird.“

 

Gustav Reingrabner: Eine Wolke von Zeugen – Helga Hartmann
In: Glaube und Heimat 1986, S.37-38.